(Un)möglichkeit

Ich halte mich an der Zigarette fest, stehe am Küchenfenster und kann nicht verhindern, mich zu fragen, wie es wohl wäre, zu fallen. Ob der Busch dort unten meinen Sturz abfedern und ich gar nicht sterben würde? Ich weiß nicht, wie viele Monate ich nicht mehr geraucht habe, und warum es ausgerechnet heute wieder so wichtig ist. Ein Tod auf Raten. Vielleicht. Ich fühle mich nicht gut, doch es scheint keine Worte zu geben.

Während ich verzweifelt versuche, etwas zu schreiben – laufen mir Tränen über die Wangen und ich kann nichts gegen das zerreißende Gefühl in mir tun. Sollte ich nicht glücklicher sein? Immerhin habe ich heute meine kleine Nichte gesehen, war zusammen mit meinem Bruder und ihr im Zoo. Ihre kleine Hand in meiner Hand. Wenn da nicht die ständigen Erinnerungen an meine Eltern gewesen wären. Mein Bruder, der sogar liebe Grüße von meinem Vater bestellte – der von Opa erzählte, wie die Beerdigung aussehen wird und ob ich schon entschieden habe, ob ich komme. Der sich scherzhaft darüber aufregt, dass er jede Woche zu meinen Großeltern gefahren ist, während mir trotz Kontaktabbruch und sporadischen Besuchen genauso viel Erbe zusteht. Es fühlt sich nicht gut an, dass meine Eltern womöglich wissen, dass mein Bruder bei mir war und ich frage mich, wie viel sie noch wissen. Kennen sie meine Adresse? Vielleicht sogar meine Handynummer? Ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie vor der Haustür stehen? Wie wird es Weihnachten? Werden sie versuchen, mich zu beschenken? Ein „Wir warten auf dich“, aber kein Wir lassen dir Zeit, sondern ein Wann wirst du wieder vernünftig?

Bin ich zu schwach, weil ich mich nicht von den Worten meines Bruders abgrenzen kann? Bin ich zu schwach, weil ich es nicht aushalten würde, meine Eltern zur Beerdigung zu sehen und mich deswegen gegen die Beisetzung entschieden habe? Sollte ich nicht viel mehr im Leben stehen? Sollte es mich nicht so sehr aus der Fassung bringen, dass die Therapie mit meiner Psychologin endet und sie nicht mehr da sein wird? Sollte ich nicht viel weiter sein, viel mutiger, stärker, lebensfroher? Ich bin falsch. So oft ich auch höre, ich sei auf dem richtigen Weg, so sehr möchte ich schreien, sterben und begreiflich machen, wie schrecklich es sich anfühlt. Als würde ich über Lava laufen. Oder Glasscherben. Ich habe das Gefühl, ich blute am gesamten Körper. Und dann hasse ich mich, dass ich die Erfolge nicht als solche wahrnehmen kann – weil da doch immer noch so viel Schmerz ist. Was ist so besonders daran, in die Uni zu gehen, wenn ich mich weiter selbstverletze, mir überlege, wie es sein würde, aus dem Fenster zu springen, wenn ich die Hände meines Vaters auf dem Körper spüre und es sich so anfühlt, als könnte ich selbst in der neuen Stadt nicht sicher sein? Immer wieder frage ich mich, wie ich für mich ein Zuhause sein soll. Wenn es doch gar keine Grenzen gab, mein Körper sich nicht wie meiner anfühlt, sondern irgendwie immer noch ihm gehört. Wie soll diese sterbende Seele je bleiben wollen, hier in dem, was sich wie ein Gefängnis anfühlt?

Es fühlt sich so unmöglich an. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht pathologisch ist“, hat mir die Lieblingskrankenschwester einmal am Telefon gesagt. Übersetzt: Ich glaube fest daran, dass Sie heilen können. Ich glaube nicht, möchte ich sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals anders wird. Dass die Not weniger werden kann. Dass ich klarkommen könnte – mit mir selbst. Ich habe so viel verändert. Wohne nicht mehr in der Heimatstadt. Ich habe Abschied genommen. Ich nehme Abschied. Ich flüchte mich nicht in eine Klinik (obwohl ich es so sehr möchte, obwohl ich doch nicht mehr kann). Ich habe zwei Katzen. Wann kommt der Punkt, an dem es sich tatsächlich gelohnt hat? An dem der Schmerz in den Hintergrund rückt?

Eine meiner Betreuerinnen hat in den Raum geworfen, nach Ende der Therapie erst einmal zu schauen, wie es ist, auf eigenen Beinen zu laufen. Sich nicht sofort in die nächste Therapie stürzen. Es ist unvorstellbar – ich bin noch nicht bereit, meine Beine sind noch nicht stark genug, ich werde stürzen, nicht wieder aufstehen können, ich bin noch nicht groß genug, ich schaffe das nicht – und ich frage mich stattdessen, ob es ein Vertrauensbruch ist, nächste Woche ein Erstgespräch bei einer Psychologin zu haben, ob es okay ist, nicht sofort mit der Traumatherapie bei der Klinikpsychologin aus der Heimatstadt zu beginnen, weil ich mich nicht stabil genug dafür fühle. Aber vielleicht kann das Außen erst sicher werden, wenn das Innen nicht mehr so zerrissen ist? Ist es falsch, zu versuchen, erst etwas wie ein Scheinleben aufzubauen, um dann zu hoffen, dass es nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt? Warum kann es nicht eindeutige Wege geben? Kein Abwägen, nicht die Angst haben zu müssen, mich falsch zu entscheiden? Ich bin so müde. Vom Entscheiden.

Dazwischen

Noch fünf Therapiestunden. Dann endet die sechsjährige Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin. Als gäbe es im Moment nicht genügend Abschiede. Als wäre da nicht dieses riesige Loch, welches der Kontaktabbruch hinterlassen hat, der Verlust meiner Familie – der Illusion, der Hoffnung, eine Familie haben zu können. (Tatsächlich habe ich das Gefühl, in so einer Krisenstimmung zu sein, in solch einem Überlebensmodus, dass mich andere schlechte Nachrichten nicht berühren können – scherzhaft habe ich zu der Lieblingsfreundin gesagt, dass es jetzt der perfekte Zeitpunkt für die Lieblingskrankenschwester wäre, um mir zu sagen, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben möchte).

Es ist eine Erstarrung, ein Schock – ein „Wie soll ich das überstehen?“, als würde die Welt in mir stehen leiben – und ich verstehe nicht, warum es nicht die Außenwelt auch tut. Ich verstehe genauso wenig, wie ich das aushalte, durchhalte, wie ich noch atmen kann – obwohl es sich so anfühlt, als würde alles zusammenbrechen. Stattdessen funktioniere ich. Ich gehe zur Uni, ich sitze stundenlang an Texten, schaue mir Vorlesungen an – versuche im Studium zu versinken. Auch jetzt überlege ich, ob ich nicht noch eine Vorlesung bearbeite – um mich beschäftigt zu halten, um nicht an dieses große Loch denken zu müssen, das mich verschlingt, sobald ich zur Ruhe komme. Um den Schmerz zu überdecken. Dieses Gefühl, mir die Haut vom Körper reißen zu wollen, weil ich es in mir nicht mehr aushalte.

„Sage etwas“, hat meine Psychologin gesagt, als ich weinend vor dem Laptop sitze und immer wieder sehe und höre, wie sie mir sagt, dass uns nur noch fünf Stunden bleiben. Ich verstecke mich hinter meinen Händen, möchte verschwinden, ganz klein sein. Da sind keine Worte. Keine Worte für das kleine Kind, das so sicher bei ihr war. Auch jetzt sitze ich hier und weine. Versuche krampfhaft Worte zu finden – Worte, die passen, die ausdrucksstark genug sind, um ansatzweise greifbar machen zu können, in welcher Not ich bin. Und gleichzeitig ist es so nichtig – so egal, welche Worte ich finde, wie ich mich fühle, weil ich an den Dingen nichts ändern kann. Mein Großvater ist unwiderruflich tot. Mein Vater hat mich missbraucht und wird nie wieder zu dem Menschen, der mich beschützt hat, bei dem ich mich geborgen gefühlt habe. Die Therapie bei meiner Psychologin endet, weil sie Kinder- und Jugendpsychologin ist und ich zu alt geworden bin.

„Ich hätte Ihnen so gern eine Pause gegönnt“, sagt die Lieblingskrankenschwester am Montag, als ich ihr unter Tränen vom Tod meines Großvaters erzähle. Sie ist da. Trotz Entfernung. „Ich bin bei Ihnen, auch wenn das über das Telefon so schwer zu spüren ist.“ Ich kann die Schluchzer kaum mehr unterdrücken. „Ich wäre jetzt so gern bei Ihnen“, versuche ich zu sagen, meine Stimme bricht. Das wäre ich. Ich würde mich gern anlehnen. Atmen. Weinen. Sicherheit spüren. Auch jetzt zerreißt mich dieser Wunsch – dieser Wunsch, jetzt nicht allein sein zu müssen. Verstanden werden, ohne reden zu müssen. Nach einer dieser sicheren Umarmungen der Lieblingskrankenschwester, wo ich ein bisschen fallen konnte – ein bisschen zerbrechen. Nach einer Hand, die meine hält. Eine Hand, die über meine Haare streicht.

Ich kann nicht mehr. Ich möchte nicht mehr. Wahrscheinlich überstehe ich das – ich überlebe den Abschied, ich lebe weiter – doch etwas in mir möchte es gar nicht überwinden müssen. Der Teil versteht nicht, warum ich solche Menschen nicht behalten darf. Warum die Beständigkeit wegbrechen muss. Wenn erwachsen sein so ist – dann möchte ich nicht groß sein. Wut, Ohnmacht, Verzweiflung auf das Leben – denn ich kann doch schließlich nicht auf meine Psychologin wütend sein, die nichts gegen die Altersgrenze tun kann – die von mir erwartet, das auszuhalten, das überleben zu können. Manchmal möchte ich gar nicht leben. Sehr oft sogar. Gerade sehr. Dann ist es so unvorstellbar, dass es irgendwann anders sein könnte – dass da Menschen sein können, die bleiben dürfen, weil es keine Helfermenschen sind, dass ich mich aushalten kann – besser, ohne diesen Drang, mich zu zerstören, kein Zuhause sein zu können. Dass es kein reines Überleben ist, kein ganz lautes „So kann ich nicht leben“, „Das ist doch kein Zustand“. Ich schaffe es nicht bis dahin. Ich bleibe gefangen in diesem Dazwischen – das sich viel schlimmer anfühlt als das Vorher.

Trauer

Ich scrolle durch meine Kontakte bei WhatsApp und sehe, dass meine beiden Brüder ein Bild meines Großvaters als Profilbild haben. (Muss ich das jetzt auch machen? Wird das erwartet?) Ehe ich mich versehe, klicke ich mich durch die Ordner von Familienfotos auf meinem Laptop. Immerhin war ich jedes Jahr Fotobuchverantwortliche. Neben Bildern von meinem Vater, meiner Mutter, auch von mir, sind da auch Bilder von meinem Opa. Es ist ein unglaublich schweres Gefühl, dass er nicht mehr da ist – dass sein Herz nicht mehr schlägt – weil es erschreckend ist, wie schnell ein Mensch verschwinden kann. Wie schnell es vorbei sein kann.

Ich fühle mich abgeschnitten. Mein Bruder hat sich seit gestern morgen nicht mehr gemeldet – und ich frage mich, ob er darauf wartet, dass ich mich melde. Dass ich mich mitteile. Das kann ich nicht. Ich kann nicht anrufen und mit ihm über den Tod unseres Großvaters sprechen – möchte nicht hören, dass ich zur Beerdigung kommen sollte, wie es meiner Mutter geht, wie betroffen alle sind. Gleichzeitig lässt es mich metertief fallen, dass ich allein gelassen werde – dass sich tatsächlich niemand meldet, mein Bruder nicht fragt, wie es mir mit dieser Nachricht geht. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich überhaupt darüber sprechen möchte. Ob es nicht besser ist, zu schweigen und es in mir festzuhalten, all die Tränen, den Schmerz, nicht nur um den Verlust meines Großvaters, sondern um meine Familie.

Ich konnte den Beitrag gestern nicht fertig schreiben – der Lieblingsfreundin fiel auf, dass es mir gar nicht gut ging. Und – gut zwanzig Minuten später rief tatsächlich mein Bruder an. Ich hatte mich gerade gefangen und aufgehört zu weinen. Es war ein Telefonat, bei dem mir die Lieblingsfreundin die Hand hielt und flüsterte, dass sie da sei, und nachdem ich aufgelegt hatte, hatte sie Tränen in den Augen. Vor Wut. Wütend darüber, wie wenig es meine Familie tatsächlich interessiert, wie es mir geht. Auf die Frage, wie es mir geht, habe ich zum ersten Mal ehrlich mit: „Es geht mir nicht gut. Ich bin ziemlich traurig“ geantwortet und ein „Das sind wir alle“ als Rückantwort bekommen. Keine Frage, warum ich traurig bin. Weil es nicht nur der Tod meines Opas ist, sondern zu spüren, dass ich allein da stehe – dass es sich anfühlt, als würde man jetzt die Angel auswerfen und davon ausgehen, dass ich anbeiße und mein „komisches“ Verhalten ablege. Wenn die Lieblingsfreundin nicht da wäre, wer wäre dann da? Mein Bruder nicht. Beide nicht. Ist das dieses Erwachsensein?

„Manchmal frage ich mich, ob es nicht weniger weh tun würde, wenn ich da geblieben wäre, als jetzt das hier auszuhalten“, habe ich später gesagt, mit noch mehr Tränen in der Stimme. Das frage ich mich wirklich. Ist es all das wirklich wert? Warum tut es jetzt so viel mehr weh, als damals im Überlebensmodus? Als die Übergriffe passierten, ich nie genug war, ich mich zuhause nicht sicher gefühlt habe?

Morgen telefoniere ich wieder mit der Lieblingskrankenschwester. Ich habe Angst – und gleichzeitig sehne ich mich so sehr danach, verstanden zu werden, da sein zu dürfen – auch wenn vermutlich ihre Stimme ausreicht, um mich zum Weinen zu bringen. Gerade wäre ich gern in Sicherheit. Bei ihr. Bei meiner Therapeutin. Bei einer Person, die ein bisschen eine Mutter sein kann, eine Stütze, wo ich mich ganz klein machen darf – ganz kurz – und am Boden zerstört.

Herzstillstand

„Ich wollte dir mitteilen, dass Opa gestorben ist. Er ist in seinem Sessel eingeschlafen, Mama hat ihn da gefunden.“ Es ist sieben Uhr morgens, als mein Bruder mich heute anruft. Seine Stimme klingt belegt. Ich quetsche ein „Danke, dass du mir das gesagt hast“ heraus. Als er auflegt, laufen mir schon die Tränen über die Wangen.

Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie die Wohnungstür meines Großvaters öffnet, sich vielleicht schon wundert, warum er nicht aufmacht, wie sie ihn da dort im Sessel sieht, vielleicht denkt, er schläft. Wie sie weint. Ich erinnere mich daran, wie verwundbar, klein sie war, als meine Oma im Krankenhaus lag und nicht sicher war, ob sie überleben würde. Wie ich neben ihr saß und sie tröstete. Jetzt kann ich das nicht. Ich kann nicht da sein. Ich kann das nicht abfangen. Tausend Gedanken wirbeln mir durch den Kopf. Ich weine. Fühle mich taub, bekomme keine Luft. Ich spreche meiner Therapeutin auf den Anrufbeantworter. Frage mich, wie ich das mit der Beerdigung bewerkstelligen soll. Ich kann doch da nicht hin, wenn meine Eltern da sind – aber wie kann ich so egoistisch sein und nicht zur Beerdigung meines Opas gehen? Ich habe ihm im Mai nicht einmal zum Geburtstag gratuliert. Wann habe ich ihn das letzte Mal gesehen?

Meine Therapeutin ruft mich an. Kaum höre ich ihre Stimme, beginne ich wieder zu weinen. „Wie fühlst du dich?“, fragt sie und ich antworte unter Tränen, dass ich keine Ahnung habe. Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wie ich mich fühle – sondern daran, wie es meiner Mutter jetzt geht, was von mir erwartet wird.. Auch jetzt ist es nicht greifbar, wie es mir geht. Nicht gut. Kurzzeitig habe ich überlegt, sofort in Richtung Notaufnahme zu gehen – bevor meine Therapeutin mich angerufen hat, mich etwas halten konnte – weil ich das gerade gar nicht begreifen kann. Weil ich nicht wusste, mit wem ich das jetzt teilen kann – mit wem kann ich die Trauer teilen, die Angst, die Schuld. Wer hält mich jetzt? „Wichtig ist, dass du jetzt auf dich hörst. Was du jetzt brauchst. Und alles ist okay.“ Ihre Worte sind wie eine Umarmung. „Deine Familie ist jetzt auch nicht für dich da“, sagt sie, als ich ihr davon erzähle, dass ich doch jetzt da sein müsste, um zu halten, zu stützen, alles abzufangen – und seltsamerweise nimmt es ein bisschen Verantwortungsgefühl.

Mittlerweile habe ich geduscht. Ich habe versucht, mich auf eine Onlinevorlesung zu konzentrieren und überlege hin und her, ob ich nachher zu dem Präsenzseminar gehe – oder nicht. Das Gewicht auf meiner Brust ist bleischwer. Es ist das erste Mal, dass jemand im engen Familienkreis stirbt. Ich weiß noch, wie die Lieblingskrankenschwester in puncto der Einschulung meines Neffen sagte: „Das ist ein Übungsfeld. Ein kleines Feuer. Noch ist niemand gestorben.“ Jetzt ist jemand gestorben. Und im Gegensatz zu einer Einschulungsfeier kann man eine Beerdigung nicht in zwei Teile teilen, damit ich meinen Eltern nicht über den Weg laufe.

„Die Frage ist, ob du zu dieser Beerdigung gehen möchtest – und das musst du nicht jetzt entscheiden. Das ist jetzt nicht wichtig.“ Es ist schwer, diese Entscheidung noch hinten zu schieben – nicht auf das laute „Du weißt doch sowieso, dass so eine Sache viel größer und wichtiger ist, als den Kontaktabbruch aufrechtzuerhalten. Immerhin ist dein Opa gestorben!“ zu hören und bestenfalls bei meinen Eltern zuhause anzurufen. Ich hatte nicht einmal eine gute Beziehung zu meinem Großvater. Ich fand es schrecklich, wenn er mir mit seinen alten Händen über den Kopf tätschelte. Mir zum Geburtstag „viel Erfolg in der Schule und Gesundheit“ wünschte und ständig nach Knoblauch roch. Außerdem ist er 86 Jahre alt gewesen. Ein gutes Alter. Seine Frau ist im Pflegeheim und er hat unglaublich darunter gelitten, allein zu sein. Dass sein „Mäuschen“ ihn nicht mehr verstand. Ich gönne es ihm, (hoffentlich) friedlich im Sessel eingeschlafen zu sein. Den Tod vielleicht nicht einmal gespürt zu haben.

Während des Schreibens habe ich mich entschieden, heute nicht in die Uni zu fahren. Dass ich heute die Normalität, so sehr ich sie gerade auch selbst versuche aufrechtzuerhalten, schwer aushalten kann. Nachher, gegen Abend, vielleicht auch früher, kommt die Lieblingsfreundin. Solange muss ich nur atmen. Irgendwie. Überleben. Nicht sterben. Weil gleichzeitig so viel das Gefühl hat, dieses Gefühl nicht aushalten zu können – dieses Alleinsein – diese Sehnsucht nach meiner Familie, den Impuls, jetzt meine Eltern anzurufen, um bei ihnen zu sein und mich wieder der Illusion hingeben zu können, dass das Wohl der Familie wichtiger ist als mein eigenes.

Drahtseilakt

„Elisa.. bleibe da“, sind die Abschiedsworte meiner Psychologin, als sie mir die Praxistür aufhält und mir schießen die Tränen in die Augen. Es sind nur zwei Worte – und doch bedeuten sie, dass sie weiß, wie schwer es ist. Dass es gerade ein Drahtseilakt ist, am Leben zu bleiben. Es sind Worte, bei denen ich sie ganz fest umarmen möchte – Corona zum Trotz – mich in ihren Armen verstecken und ganz kurz ganz klein sein, weil die Welt, das Leben viel zu groß und übermächtig erscheint. Vorhin, als wir telefoniert haben, weil wir beide nicht daran gedacht hatten, einen neuen Termin auszumachen, meinte sie: „Und wenn du an eine Grenze kommst, dann holst du dir Hilfe. Das bedeutet auch durchzuhalten.“

Am Dienstag hat sie sich gefragt, warum Menschen so große Unterschiede zwischen psychischen und körperlichen Erkrankungen machen – bei einer stark blutenden Wunde würde man doch auch nicht warten, würde nicht auf das Blut starren und überlegen, dass man doch noch drei Liter Blut haben müsste und es nicht so schlimm sei. Ich weiß nicht, wie sehr ich blute. Wie viel Blut noch da ist. Wie viel Kraft noch da ist. Oft fühlt es sich so an, als wäre nur noch ein kleiner Rest da – als würde ich kurz davor stehen, in Ohnmacht zu fallen, mich nicht mehr zusammenhalten können. Und dann taucht die Frage auf: Ist es jetzt schon schlimm genug? Kann ich es noch aushalten? Irgendwie überlebe ich doch noch. Eine Frage, die ich gar nicht beantworten können muss – hat mir meine Psychologin gesagt. Dafür gibt es Fachleute. Dafür gibt es das Hilfesystem.

Es fühlt sich seltsam an, dass ich bei all der Krisenhaftigkeit, dieser Not in mir drin, ganz normal funktioniere. Ich gehe zu Veranstaltungen in der Uni, sehe meine beiden Betreuerinnen (die gerade wenig Bedarf sehen, aber wie soll ich auch sagen, dass gerade so viel in mir nicht mehr leben möchte, keinen Sinn sieht und so müde davon ist, das hier auszuhalten?), plane Gruppenarbeiten, kümmere mich um die Katzen, wasche meine Haare, sauge die Wohnung, erledige Aufgaben für die Uni. Ich fühle mich unecht, zerrissen und mit jedem Tag wird es schwerer, das hier als mein Leben zu verstehen – als real. Vorhin habe ich weinend mit der Lieblingsfreundin telefoniert: „Das kann doch kein Leben sein, sich nur von Termin zu Termin zu hangeln“, weil sie meinte, dass ich gar nicht in die Klinik könne, weil sie doch morgen kommt. Es ist kein Zustand. Es ist kaum auszuhalten.

Ich weiß nicht, ob es die Uni ist, die mich gerade noch mehr aus der Bahn wirft. Plötzlich wieder etwas leisten zu müssen, mehr Struktur zu haben. Ich fühle mich nicht verlässlich genug, gerade, wenn ich daran denke, Teil von Gruppen zu sein, Vorträge vorbereiten zu müssen – wenn ich doch nicht einmal sagen kann, ob ich nächste Woche noch am Leben bin. Oder ob es der Geburtstag meines Vaters ist, der nächste Woche ist. Oder die Tatsache, dass da der genehmigte Beratungshilfe-Antrag liegt, und ich quasi keine Ausrede mehr habe, um nicht bei einem Anwalt anzurufen. Oder der Schmerz, ohne Eltern zu sein. Oder dass meine Therapie mit meiner Psychologin sehr bald endet und sie nach sechs Jahren Beständigkeit wegbricht. Dass ich viel mehr Menschen eingeweiht habe. Dass meine neue Hausärztin mich fragte, ob ich bereits Anzeige gegen meinen Vater erstattet hatte. Dass ich die Lieblingskrankenschwester nicht sehen kann, weil Corona ist. Dass mein Bruder mir etwas von meiner Mutter weitergeleitet hat. Dass ich ihm wieder nicht sagen konnte, dass es mir überhaupt nicht gut geht – und ich solle mich doch melden (auch wenn ich es sowieso nicht machen würde).

Es fühlt sich sonderbar sinnlos an. Was würde es bringen, wenn ich mitteile, wie schlecht es mir geht? Schließlich kann man mich nicht stundenlang bewachen. Was soll es bringen, meinen Bruder zu alarmieren, wenn er doch nur hilflos dabei zusehen kann, weil er mich nicht versteht? Es ist schwer, gerade nicht zu weinen, weil diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit wie eine riesige Welle auf mich zurollt. Dieses Gefühl, dass doch auch eine Klinik sinnlos ist – wenn doch das Leben danach das gleiche ist. Wenn ich doch genau weiß, dass ich weglaufe, dass ich mich dem Leben nicht gewachsen fühle – obwohl ich doch bestimmt die Ressourcen, die Kompetenzen hätte, um endlich einmal klar zu kommen.

Ich verliere mich in mir selbst. Es ist nicht, dass ich direkte Vorstellungen habe – dass ich sofort aus dem Fenster springen würde – es ist ein Gefühl der Leere, der inneren Kälte, was sich immer mehr in mir ausbreitet, dieses Gefühl, immer mehr den Sinn zu verlieren – nicht zu wissen, ob sich dieser Kampf lohnt und wie ich es aushalten soll – jetzt in diesem Moment, weil es bei so viel Leere trotzdem schrecklich weh tut. Es ist eine Taubheit, ein lebendiges Sterben, verbunden mit der Überraschung, dass mein Herz da noch schlagen kann. Ich glaube, ich habe gerade Angst, tatsächlich zu akzeptieren, dass ich mich in einer Krise befinde – dass es schlimm genug ist – weil ich mich dann vielleicht wirklich nicht mehr halten kann.

bodenlos

Die Anspannung steigt. Das Atmen wird immer schwerer, weil das Gewicht auf meiner Brust immer stärker und größer wird. Die Not in mir wird einnehmender, stärker, sorgt dafür, dass ich das Bedürfnis habe, mich an festzuhalten – jemanden anzurufen, am liebsten meine Psychologin, die Lieblingskrankenschwester (wir haben in anderthalb Stunden ein Telefondate, und doch fühlen sich diese neunzig Minuten viel zu lang und unmöglich an), eine Mama, eine große Person, die mich, kleine Person, halten kann. Ich kann nicht sagen, was dieses starke Gefühl der Haltlosigkeit, Not, Überforderung gerade ausgelöst hat – dass ich das Gefühl habe, es könne nur besser werden, wenn ich mir die Haut vom Leib reiße, schneide, wenn ich nicht mehr bin, als könnte ich jeden Moment vor lauter Schmerz implodieren. Welcher Gedanke war es, welche Assoziation, welcher Geruch, welcher Gegenstand? Ich fühle mich sonderbar hilflos, weil es noch so früh am Tag ist – weil ich doch noch funktionieren muss und weil ich nicht weiß, wem ich mich mitteilen kann.

Es fühlt sich an wie eine diffuse Not, eine alles einnehmende Masse, ein schwarzes Loch ohne Grenzen. Etwas, für das es gar keine Worte gibt. Etwas, das ich nicht greifen kann. Ich versuche Worte zu finden – das merke ich, und doch ist es so schwer, weil ich mich wie gelähmt fühle. Weil ich es nicht beschreiben kann und es unmöglich ist, abseits davon über etwas zu schreiben.

Ich könnte über die erste Onlinevorlesung reden. Dass es eine zweite Elisa in meinem Studiengang gibt und ich sie bereits kennengelernt habe. Dass ich gestern das erste Mal per Video Therapie hatte, weil ich mir ein Zugticket in die Heimatstadt nicht leisten konnte. Dass meine Eltern plötzlich etwas mehr Geld gezahlt haben und ich jetzt nicht weiß, ob ich an dem Plan, über einen Anwalt Unterhalt einzuklagen, festhalten sollte (und ich spüre, wie gern ich etwas Festes hätte – die Gewissheit, dass die und die Summe dann und dann auf meinem Konto ist – und kein banges Warten am Anfang des Monats, wie viel Geld mir meine Eltern denn diesmal überwiesen haben.) Die Welt fühlt sich zu groß an. Ich fühle mich dem Leben nicht gewachsen – dem richtigen Leben, dieser Normalität, wenn gleich es unter diesen Bedingungen wohl kaum eine Normalität geben kann. Und doch frage ich mich – ist das normal? Fühlt sich so leben an? Wie soll es gehen, Gesundheit (oder das Fehlen dieser) unter einen Hut mit dem Alltag zu bringen? Ich weiß, dass ich nicht ewig in Kliniken sein kann, dass es lange, lange dauern wird, bis ich vielleicht heile – und das Leben nicht wartet. Und doch fühlt es sich jetzt so unmöglich, so falsch an, Fuß fassen zu wollen. Wenn da doch gar kein Boden ist.

neben der Spur

Ich habe mich nie wirklich sicher gefühlt. Sei es in meinem Elternhaus, wenn ich unterwegs bin.. selbst in der Praxis meiner Psychologin habe ich Angst, mache mich in dem Sessel ganz klein und starre sie wie ein verängstigtes Rehkitz an. Dafür war ich finanziell sicher. Ich hatte theoretisch die Möglichkeit, genug zu essen, weil mein Vater in meiner Kindheit und Jugend einkaufen war – weil ich immer wieder, als ich ausgezogen war, mit meiner Mutter unterwegs war und sie bezahlte.

Es ist dieses Gefühl, ohne meine Eltern – ohne mit ihnen verbunden zu sein, sie zu sehen, eine gute Tochter zu mimen – nicht lebensfähig zu sein. Mit großer Fassungslosigkeit stelle ich gerade fest, wie sehr sie mich noch immer in der Hand haben, dieses perfide Spiel der emotionalen Erpressung. Und ich – die sich schuldig fühlt, weil ich mit dem Geld nicht hinkomme, ich manche Rechnungen nicht bezahlen konnte (wie konnte ich es wagen, mir ein Buch zu kaufen?). Die weint, als meine Therapeutin das anspricht, ganz offen. Weiß sie nicht, dass über Geld nicht gesprochen wird, schon gar nicht, wenn es knapp wird? Es ist auch schwer, jetzt über Geld zu schreiben – darüber, wie sehr es mich belastet, nicht zu wissen, wie ich mein Leben hier in der neuen Stadt finanzieren soll. Dass ich nach Nebenjobs gesehen habe, trotz des Gefühls, das nicht bewältigen zu können, weil doch gerade allein das Überleben so schwer ist.

Letzten Dienstag saß ich vor meiner neuen Psychiaterin. Da sie noch keine Befunde aus der Heimatstadt hatte, musste ich alles erzählen – und wie so oft fühlte es sich so an, als würde ich in dem Moment nicht über mich sprechen, als wäre nicht ich allein in dieser neuen Stadt, als würde nicht ich sterben wollen, als würden die Arme und Beine mit Schnittverletzungen nicht zu mir gehören. Tatsächlich hat sie mich ganz ernst gefragt, ob ich stationär aufgenommen werden möchte. (Vielleicht ist das tatsächlich der erste Impuls, wenn man mich das erste Mal sieht. Hört. Nicht einschätzen kann. Die Frage, wie ich unter diesen Umständen noch leben kann.) Ich habe es verneint, trotz dieser enormen Sehnsucht, dem lauten „Ich kann nicht mehr“ in mir. Denn was bringt es in der Klinik zu sein? Was bringt es, wenn ich wieder aus dem Leben, wenn man es überhaupt so nennen kann, aussteige, obwohl ich noch nicht einmal einen Platz gefunden habe? Ich bin müde. Sehr müde von dieser Unendlichkeit des Schmerzes, der Handlungsunfähigkeit. Außerdem sind da die Katzen, um die sich gerade niemand kümmern kann. Da ist die Uni, die nächste Woche beginnt (und ich kann doch nicht schon wieder zum Start des Semesters sterben wollen). Es hat keinen Sinn, so fühlt es sich an. Ich gehe kaputt, verloren, verschwinde – und bin doch irgendwie da. Bin bei der Therapie, spreche mit Kommilitonen, die ich bereits kennengelernt habe und funktioniere. Und sterbe.

Ich bin nicht lebendig.

Morgen habe ich den nächsten Termin bei der Psychiaterin. Das Gefühl nicht real zu sein, dass es mich nicht betrifft, dass das hier unmöglich mein Leben sein kann – das ist so einnehmend, dass es mich wundert, dass ich mein Herz überhaupt schlagen fühle. Wie kann das echt sein? Wie kann dieser Schmerz echt sein? Ich weiß es nicht. Ich verstehe es nicht,

Starker Nordwind

Es ist, als würde mich die leere Seite verfolgen. Ich öffne sie. Schließe sie. Starre auf sie. Wortfetzen, Satzfetzen jagen durch meinen Kopf, doch ich traue mich nicht sie zu Ende zu denken, zu groß ist die Angst vor der Realität. Angst, was ist, wenn es nicht mehr diffus im Hinterkopf schwebt, sondern aufgeschrieben, ausgesprochen ist. Es ist ein bewusstes Wegschauen – ein verzweifeltes Hoffen, dass die Dinge verschwinden, kleiner werden, nicht wahr, wenn ich sie lang genug ignoriere – in dem Wissen, dass sie stattdessen immer einnehmender werden. Ich kann kaum atmen, so voller unausgesprochener Gedanken bin ich. Voller Trauer, Schmerz, Ekel, Schuld, Scham, Selbsthass.

Vielleicht, weil ich spüre, wie sehr ich an meinen Grenzen bin. Ein „Eigentlich müsstest du jetzt in eine Klinik, eigentlich brauchst du mehr Unterstützung, eigentlich ist es gerade so schwer, dich selbst zu halten“. Ein „Wie soll ich das Leben schaffen?“. Vielleicht ist es schlimmer, weil weder die Lieblingskrankenschwester noch meine Therapeutin in dieser Woche erreichbar waren. (Obwohl doch andere Menschen da waren. Da war meine Freundin. Da war die Skillsgruppe. Da war die Betreuerin. Da sind doch Menschen.) Ich fühle mich schuldig und schlecht, schließlich halte ich doch durch. Ich bin doch noch da. Irgendwie geht es doch. Ohne Klinik. Ohne Vertrauensmenschen. Ohne mir das Leben zu nehmen.

Vorhin habe ich ein Gedicht von Clara Louise gelesen:

Der starke Nordwind peischt gegen die Klippen. Felsenfest sind sie im Boden verankert, umgeben von den unendlichen Tiefen des Ozeans.

Hier oben stehe ich, zwischen den bunten Wildblumen, bedeckt von Wolken, umgeben vom Klang der Natur.

Unter mir sehe ich die Wellen tanzen, über mir unendliche Freiheit.

Fast bin ich zu schwach für den Wind, doch noch kann ich mich halten.

Ich fühle mich eins mit der Landschaft, als hätte ich meine Bestimmung gefunden, wissend, wohin ein Mensch gehört.

Es ist reines Glück, das sich in meinem Herzen ausbreitet, ein Gefühl von grenzenloser Freiheit, das mir Tränen in die Augen treibt.

Das Leben steht vor mir, und ich denke darüber nach, es mir zu nehmen.

STARKER NORDWIND (CLARA LOUISE)

Das Leben steht vor mir. Das Studium. Neue Menschen. Eine Chance. Und ich – ich möchte einfach nur verschwinden.

Mail von gestern

Liebe Frau Ko.,  ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.

Vielleicht fange ich mit einem Danke an – danke, dass Sie da sind, Schwester Br. und Sie, dass Sie mich heute ausgehalten haben und an mich glauben. Mein eigentlicher Impuls ist es, mich zu entschuldigen. Für die Tränen, die Anspannung, überhaupt so da gewesen zu sein, wie ich da war. Während ich in der Gruppe saß, habe ich mich sehr geschämt. Wäre am liebsten im Erdboden versunken oder unsichtbar gewesen.

Im Moment habe ich sehr das Gefühl, dass ich mir nicht genug Mühe gebe, dass ich den neuen Weg nicht genug möchte – immerhin bin ich schon so lange in Therapie, bin seit zwei Jahren in der Skillsgruppe (wenn auch mit Unterbrechungen) und frage mich, wie lange es noch dauern soll, bis es ankommt – bis die Glaubenssätze nicht mehr so präsent sind, bis ich mich aushaltbarer anfühle und nicht das Gefühl habe, am liebsten möchte ich verschwinden, möchte aus meiner Haut, weil ich es so schwer ertragen kann, ich zu sein. Ich saß da – und habe mich geschämt, dass ich nicht atmen konnte. Dass es so schwer war, dass meine Beine fest auf dem Boden standen. Habe mich für die Tränen geschämt. Dafür geschämt, dass es mir so schlecht geht, obwohl da doch Menschen sind. Obwohl sich gestern Frau S. die Zeit genommen hat, um die Urlaubszeit zu überbrücken. Obwohl eine Freundin einige Tage zu Besuch war. Obwohl ich weiß, dass da meine Therapeutin ist. Die Lieblingskrankenschwester. Sie. Dann habe ich das Gefühl, lebensunfähig zu sein – und die Hilfe nicht wertschätzen zu können, weil ich doch weiß und spüre, dass da Menschen sind (deswegen habe ich auch am Ende geweint, weil es Worte waren, die gerade so nötig sind – dass Sie da sind, dass ich schreiben kann, dass ich nicht allein bin) und mich dennoch so schrecklich verloren und einsam fühle.  

Letzte Woche Freitag war es sehr schlimm. Ich hatte Therapie, die sehr schwer auszuhalten war, und habe gespürt, dass ich nicht okay war. Dass ich in dem Moment am liebsten bei meiner Therapeutin geblieben wäre – um dort in Sicherheit weinen zu können, trauern, fassungslos sein zu können, aber es kam die nächste Patientin und ich habe gedacht, ich müsste jetzt groß sein, ich bin über den Punkt hinweg, an dem ich mehr als diese 50 Minuten in der Woche brauche. Ich bin weinend zum Zug gelaufen und habe mich so allein gefühlt, weil mir bewusst wurde, dass zuhause niemand auf mich wartet, der das zusammen mit mir aushält. Der mich in den Arm nimmt. Der mich aushält, wenn ich mich nicht aushalte. Ich konnte das mit niemanden teilen. Und dann frage ich mich, wie ich das erst mit der Traumatherapie aushalten soll. Wenn mich schon solch Stunden, die nur kurz am Trauma kratzen (auch wenn der Missbrauch die ganze Zeit im Raum stand), so aus der Bahn werfen. Es macht mir unglaublich viel Angst.

Ich habe das Gefühl, gerade mehr zu brauchen – in dem Sinne, dass diese eine Therapiestunde bei meiner Psychologin nicht ausreicht, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich müsste über diesen Punkt hinweg sein. Vielleicht muss ich das jetzt aushalten können. Nach so vielen Monaten stationärer Therapie. Nach so viel DBT-Erfahrung. Vielleicht muss ich diese Gefühle aushalten. Ich kann doch jetzt nicht immer noch so verwundbar, so klein, so verloren sein und mir wünschen, es nicht allein tragen zu müssen.  Ich vermisse meine Eltern, meine Familie sehr. Es ist schwer, auszuhalten, dass meine Familie einfach so weiterlebt. Es gibt weiterhin Familientreffen. Wenn ich mit meinem Bruder telefoniere, erzählt er mir zum Beispiel, dass meine Mutter gerade dort und dort war und sie zum Essen eingeladen waren.. Das tut weh. Während sie so tun, als wäre alles okay, zerbricht für mich jeden Tag die Welt. Dann frage ich mich, ob nicht ich tatsächlich das Problem bin, ob ich mir das eingebildet habe, ob ich übertrieben habe. Es ist schwer, mir zu glauben.

Irgendwie macht der Abstand das nicht leichter. Da wird nur das Gefühl größer, ich sei tatsächlich nicht wichtig, es sei besser, wenn ich nicht da bin. Dass ich nicht fehle. Gleichzeitig ist der Wunsch danach, gesehen zu werden – sagen zu können, wie schwer es gerade ist, und dass ich nicht allein sein möchte, sehr groß. Ich habe aber Angst, dass ich dann Dinge wie „Du wolltest doch nach Halle ziehen“ kommen. Dass auch mein Bruder müde davon wird, dass ich nicht wirklich im Leben ankomme. Denn ich bin sehr müde. Das merke ich. Ich merke, dass ich an meine Grenzen komme – heute in der Skillsgruppe war ich auch ein bisschen überrascht, wie viel Not und Schmerz doch da ist – und dass ich mir eine Schulter wünsche, an die ich mich anlehnen kann. Weil ich das Gefühl habe, ich komme nicht zur Ruhe, sondern stehe ständig so unter Anspannung, bin so im Überlebensmodus, dass ich kaum richtig atmen kann.  Gerade ist so viel.

Dann noch die Corona-Pandemie (ich merke, wie viel Glück ich hatte, die erste Welle in der Klinik mitzuerleben).. Die Ungewissheit, ob es überhaupt Präsenzveranstaltungen in der Uni geben wird – oder ob alles online ist.. Ob ich mir überhaupt das nächste Zugticket leisten kann, weil das mit meinen Eltern immer noch nicht geklärt ist. Immerhin habe ich es geschafft, den Bafög-Antrag abzuschicken. Zwar entlastet mich das nicht kurzfristig, weil es noch Wochen dauern kann, bis das durch ist – und macht die Entscheidung, ob ich den Weg über einen Anwalt einschlage, nicht leichter.  

Ich möchte mich auch jetzt am liebsten für all diese Worte entschuldigen, weil sie schon für mich schwer sind. Weil da so viel Gefühl ist (weil mir immer noch die Tränen über die Wangen laufen und es sich doch leichter anfühlen müsste). Deswegen wieder: Danke, dass Sie mich aushalten. Danke, dass Sie da sind.  Ich wickele mich jetzt in eine Decke und mache mir einen Tee. Mir ist nämlich wirklich sehr kalt. Ich passe auf mich auf, versprochen! 

Ich wünsche Ihnen und Schwester Br. einen guten Start in das Wochenende und hoffe, Sie können beide Ihr Schlafdefizit ein bisschen aufholen.   

Alles Liebe,  Elisa

„Mutausbruch“ – Eine Online-Selbsthilfegruppe

Heute möchte ich folgenden Aufruf, den die liebe Tina von Traumaleben verfasst hat, teilen.


„Mutausbruch“ – ein Aufruf zum Mitmachen bei unserer Online-Selbsthilfegruppe für Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch durch die ersten Bezugspersonen geworden sind.

Die liebe Elisa von „Den Wolken so nah“ und ich haben uns für ein kleines Projekt zusammen getan, um gemeinsam ein Stück weit über den sexuellen Missbrauch hinweg zu wachsen. Die Idee ist die einer Selbsthilfegruppe über Zoom, in der wir uns ein mal die Woche oder je nach Bedarf online treffen, um uns auszutauschen über unsere Probleme, Erfahrungen, aber auch Ressourcen. Um gemeinsam weniger allein mit der Thematik sein zu können und um einfach einen sicheren Raum, neben der Therapie, für all das haben zu können – mit dem Ziel des „Empowerments“. Entstanden ist diese Idee beim Verfassen eines Kommentars auf Elisas Blog. Der Einfachheit halber und weil ich denke, er gibt das Warum hinter dieser Idee ganz gut wieder, füge ich ihn an dieser Stelle noch einmal ein, damit ihr ihn auch lesen könnt:

Liebe Elisa, deine Texte berühren mich immer sehr, schon eine ganze Weile lang. Auch, weil ich das was du beschreibst so gut nach empfinden kann, da ich selbst oft so fühle oder gefühlt habe, wegen Erfahrungen, die ähnlich wie deine waren (vor allem, was die Vatersache betrifft). In manchen Dingen bin ich schon einen Schritt „weiter“, in manchen nicht. Ich habe nach dem Lesen von deinen Texten schon öfter den Impuls verspürt, dir mehr als nur einen Kommentar da zu lassen, dir eine Verbindung anzubieten, zu schreiben „hier ist mein Kontakt, melde dich, falls du einmal reden möchtest, dich austauschen möchtest, mit einer, die eine ähnliche Geschichte hat, auch damit wir beide erfahren, dass wir mit dieser Sache gar nicht so alleine sind“. Ich war aber immer schrecklich unsicher, auch unsicher, ob du einen solchen Kommentar überhaupt lesen möchtest. Nun mach ich es aber doch und mir kam noch eine andere Idee beim Lesen deines Eintrages, die auch schon eine Weile in meinem Kopf herumschwirrt und die ich nun hier niederschreiben werde. Es ist der Gedanke eine kleine online (das wäre ortsunabhängig und jeder könnte dabei gemütlich zu Hause sitzen) Selbsthilfegruppe zu gründen, für Opfer von s* Missbrauch vielleicht auch spezifisch durch den Vater. Falls es dazu kommt, würde ich das auch organisieren, moderieren und solltest du ebenfalls Gefallen an dieser Idee finden, bräuchte ich auch nichts, also kein besonderes Engagement von dir, außer vielleicht ein „ich finde die Idee ganz cool/okay..“. Zumindest ich habe nämlich immer stärker das Bedürfnis mich mit anderen Betroffenen auszutauschen, da ich denke, dass das unglaublich bereichernd sein könnte, man viel voneinander lernen würde und ich all dem gerne einen noch viel interaktiveren Raum geben möchte, als das auf Blogs möglich ist. Warum schreib ich dir das nun alles hier hin… vermutlich, weil ich gerade eine allgemeine Mutphase habe, vielleicht auch, weil ich deiner Wut auf das Leben gerne ein Projekt / eine Idee vorschlagen möchte, wohin sie ihre Energie auch kanalisieren könnte und weil ich mittlerweile gelernt habe das Leben mehr anzunehmen und aufgehört habe daraus ständig verschwinden zu wollen. Verdammt beschissen und dunkel war dieser Weg bis hier hin, so viel mehr als das und er ist auch noch immer steinig, aber doch um einiges heller und mein Erleben ist ein komplett anderes geworden (im positiven Sinne), vor noch nicht allzu langer Zeit erschien das noch unmöglich, ja, sogar undenkbar. Es gibt so viele von uns, viel zu viele, die sich nach so einem Missbrauch nicht mehr „lebensfähig“ fühlen. Das macht mich so traurig und ich frage mich, warum wir uns das Leben gegenseitig nicht ein kleines bisschen leichter machen könnten, durch ein wenig Halt, gesehen werden, Unterstützung, Verbundenheit… Ich weiß nicht, vielleicht findest du das alles auch ganz blöd, auf jeden Fall ist das meine E-Mailadresse: tina_von_traumaleben@gmx.at .Meld dich, wenn du möchtest, wann du möchtest, auch unabhängig von der Selbsthilfegruppe, vielleicht auch nur für ein einmaliges Zoompläuschen, wegen was auch immer. Lass dir gerne Zeit, nichts muss. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen. Alles, alles Liebe

Bisher besteht unsere Selbsthilfegruppe also aus Elisa und mir und deshalb suchen wir noch weiteren betroffenen (erstmal nur) Frauen, die mitmachen möchten. Wenn du Überlebende von sexuellem Missbrauch durch die ersten Bezugspersonen (also Vater/Mutter/vergleichbare erwachsene Person) bist und du das Gefühl hast, dass du gut zu uns passen würdest, dann würden wir uns sehr über eine ausführliche Nachricht von dir freuen. Vielleicht fragst du dich auch warum es diese enge Eingrenzung des/der Täters/Täterin gibt? Einfach, weil es meist eine sehr spezielle Dynamik in der Herkunftsfamilie impliziert, es eine extreme Ambivalenz in der Gefühlswelt auslöst (wenn z.B. der Papa, den man über alles liebt, der einen beschützen sollte, sich an dir sexuell vergeht, dann passiert so viel… unaussprechlich Schreckliches…). Zudem kommt es auch oft zu einem Kontaktabbruch mit der gesamten Familie, zumindest im Fall von Elisa und mir, weshalb die Probleme und die Sehnsucht, die damit einhergehen, auch eine große Rolle spielen werden (Sekundärtraumatisierung, z.B fehlende Unterstützung von der Mutter usw.). Daraus ergeben sich viele Parallelen in unseren Lebensrealitäten und Gefühlswelten, die sonst vermutlich nicht so schnell gefunden werden würden. Ja und zuletzt liegt diese Eingrenzung auch daran, dass wir durch die Technik (Zoom) gezwungen sind eine relativ kleine Gruppe zu bleiben, ansonsten wird es ziemlich sicher Probleme mit der Internetverbindung geben und es wäre schon das Ziel sich im Videoformat auch tatsächlich sehen zu können. Wie und wohin sich die Gruppe entwickelt, hängt natürlich stark davon ab, wer und wie viele sich mit einbringen wollen, doch es wäre schön, wenn daraus vertraute, haltgebende und sichere regelmäßige Verbindungen wachsen würden, in denen gemeinsame Unterstützung sowie Heilungserfahrungen möglich sind. Wir verstehen uns natürlich nicht als Therapieersatz und haben auch nicht vor explizite Missbrauchssituationen zu schildern, deshalb wäre es von Vorteil, wenn du selbst in Therapie bist/warst bzw. soweit stabil bist, dass dich bestimmte Wörter/heikle Themen nicht (mehr) zu sehr triggern oder ähnliches. Wenn du dich angesprochen fühlst und gerne dabei wärst, dann schreib an tina_von_traumaleben@gmx.at (oder Instagram @tina_von_traumaleben) etwas zu folgenden Punkten:

  • Erzähl ein bisschen etwas über dich und ein paar Eckpunkte zu deiner Geschichte/deinen Erfahrungen.
  • Warum du bei unserer Online-Selbsthilfegruppe „Mutausbruch“ mitmachen willst und was dich dazu motiviert und bewegt hat?
  • Über welche Themen du gerne sprechen möchtest bzw. es dir vorstellen könntest darüber zu sprechen/dich auszutauschen? Was wäre dir besonders wichtig?
  • Solltest du auch einen Blog haben oder auf anderen Socialmediakanälen aktiv sein, dann freuen wir uns natürlich ebenfalls über den Link 🙂
  • Und sonst, schreib, was auch immer dir noch einfällt oder was du uns noch gerne mitteilen möchtest. Gerne viel Text!

Je ausführlicher du dich beschreibst, desto einfacher ist es natürlich für uns, uns von dir ein Bild zu machen. Das ist vor allem deshalb so wichtig, damit wir einen sicheren virtuellen Raum gestalten können, was uns ganz besonders am Herzen liegt.

Liebste Grüße und in freudiger Erwartung,

Tina


Tina hat bereits sehr schöne, passende Worte gefunden, warum auch mir diese Selbsthilfegruppe sehr am Herzen liegt. Ich habe allein in den letzten Gesprächen mit ihr gemerkt, wie gut es tut, nicht allein zu sein. Sehr gern möchte ich auch anderen dieses Gefühl mitgeben – nicht allein zu sein, in dem Kampf für ein Leben, trotz und mit dem Missbrauch.

In Liebe, Elisa